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Kriseninterventionsteam feiert 10-jähriges Jubiläum

Der plötzliche Tod eines Angehörigen. Ein tragischer Unfall, den man als Zeuge erlebt hat. Ein Suizid(-versuch) oder das Überbringen einer Todesnachricht. Dies ist eine beispielhafte Aufzählung für Situationen, die Menschen gerade in den ersten Minuten oder Stunden seelisch stark belasten können.

Das Kriseninterventionsteam des DRK Wolfenbüttel feierte mit Gästen sein zehnjähriges Bestehen.

Im Landkreis Wolfenbüttel stehen diesen Betroffenen die Mitglieder des Kriseninterventionsteam (KIT) des Kreisverbands des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) zur Seite – und dies seit mittlerweile zehn Jahren.
Dieses Jubiläum war Anlass für eine Feierstunde im Solferino auf dem Exergelände, zu der Sibylle Schumacher, Leiterin des KIT, eingeladen hatte. „Dass ein Kriseninterventionsteam schon so lange besteht, ist sehr selten“, berichtete Heinz Dierker, Fachberater und Koordinator Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) im DRK-Landesverband Niedersachsen. Er freute sich daher sehr über das Jubiläum und die Einladung zur Feier, für die er extra aus Cloppenburg angereist war. Weitere Gästen waren Vertreter aus der Politik, Einsatzkräfte von Rettungsdienst, Feuerwehr und Polizei sowie Interessierte, die im Bereich der psychosozialen Notfallversorgung tätig sind.

Wie wichtig ein Kriseninterventionsteam ist, hat Horst Kiehne selbst erlebt. Der Präsident des DRK-Kreisverbandes Wolfenbüttel berichtete in seinen einleitenden Grußworten von seinen persönlichen Erfahrungen und dankte den Ehrenamtlichen. Er sprach zudem an, dass auch Einsatzkräfte belastende Ereignisse erfahren. Dafür steht inzwischen das DRK-SbE-Team Wolfenbüttel den Betroffenen zur Seite. SbE steht für Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen. Das SbE-Team wird beim DRK von Rainer Elsner koordiniert. Er berichtete, dass vor zwei Jahren die Entscheidung fiel, im Bereich der SbE tätig zu werden.

Doch zurück zum „Geburtstagskind“:  Der stellvertretende Landrat, Uwe Schäfer, dankte den Helfern und betonte, wie wichtig es ist, sich auch um die Seele zu kümmern. „Es ist eine große Aufgabe, Leute an die Hand zu nehmen und ein Ansprechpartner zu sein.“ Dafür sprach er seinen großen Respekt aus. Die Glückwünsche von Heinz-Rainer Bosse, stellvertretender Bürgermeister der Stadt Wolfenbüttel, kamen in besonderer Form: Sie waren gedichtet.

Kreisbrandmeister Tobias Thurau lobte die gute Zusammenarbeit der verschiedenen Beteiligten im Landkreis. Sein Appell: „Bleiben Sie alle so mit Ihren Herzen dabei und schützen Sie sich gegenseitig“.

Auch Frank Ahlgrim, Koordinator der Notfallseelsorge, lobte die tolle Zusammenarbeit: „Wenn wir mit unseren eigenen Kräften Not am Mann haben, springt das KIT ein.“ Seinen Schilderungen war zu entnehmen, dass die Arbeit des KIT zwei Seiten hat. „Jeder Einsatz ist schwierig, es gibt keinen festen Handlungsablauf, sondern auf jeden Menschen ist anders einzugehen“, so Ahlgrim. Er betonte aber auch, dass man Wertschätzung erfahre und es eine wertvolle Arbeit sei, die gemeinsam geleistet werde. Nach der Begrüßung und den Grußworten folgte ein Fachvortrag von Dr. Helge Höllmer, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Klinischer Direktor am Bundeswehrkrankenhaus Hamburg. Sein Vortragsthema: Traumatherapie – schnelle Hilfe für die Einsatzkräfte.

Eine seiner Kernaussagen: „Nach einem Trauma ist alles möglich“. Er erzählte, wie schwierig es für viele Betroffene sei, Hilfe anzunehmen. Zugleich müsse man sich aber auch die Frage stellen, wer überhaupt wann Hilfe brauche. Er sprach über neue Erkenntnisse aus Studien, berichtete aber vor allem von seinen persönlichen Erfahrungen. Trotz des durchaus ernsten Hintergrunds gelang es Dr. Höllmer auf unterhaltsame Art zu referieren. Durch seine Erzählungen von verschiedenen Fällen aus seinem Berufsalltag wurde die Thematik nachvollziehbar erklärt und regte auch zum Nachdenken an.

„Auf diesen Vortrag habe ich mich besonders gefreut, er gibt gute Denkanstöße. Die von ihm vorgetragenen neuen Erkenntnisse und seine eigenen Überlegungen sind für mich sehr informativ gewesen“, so Anne Waldmann, die hauptamtlich als Notfallsanitäterin und im SbE-Team (beides DRK) tätig ist.

Für Gabi von Treufels, (Gründungs-)Mitglied des KIT, war der Vortrag ebenfalls lehrreich. „Es war spannend zu erfahren, dass jemand nach einem Trauma nicht langfristig traumatisiert sein muss“. Hinsichtlich der anfänglichen Grußworte bestätigte sie, dass Interventionsarbeit sehr wertvoll sei.

Nach einem gemeinsamen Mittagessen ging es weiter mit einem Vortrag von Klaus Überacker aus dem bayerischen Altötting. Der 71-Jährige ist Leiter des Kriseninterventionsdienstes (KID) Region Chiemgau. Zum Einstieg stellte er den (umfangreichen) Ausbildungsweg bei der Bergwacht, die verschiedenen Einsatzmittel und -fahrzeuge vor. Im Anschluss erzählte er über die PSNV im Bergwachteinsatz. Die Mitglieder der „PSNV Berg“ sind mit bergwachtspezifischen Einsatzabläufen vertraut und verfügen über alpine Erfahrungen. Der Aufgabenkreis ist zudem umfangreicher: So begleitet der KID beispielsweise auch die Hinterbliebenen zu den Unglücksorten am Berg.

Überacker berichtete von einigen seiner Einsätze. Schnell wurde deutlich, welche besonderen Anforderungen Bergunglücke mit sich bringen. Durch seine langjährige Tätigkeit konnte Überacker den Zuhörern an seinen Erfahrungen teilhaben lassen. So habe ihn seine Feuertaufe sehr geprägt, als er eine Todesnachricht von drei jungen Menschen überbringen musste. Auf die an diesem Tag schon öfters angesprochene PSNV für Einsatzkräfte kam auch Überacker zu sprechen: „Auch als Einsatzkraft hat man Gefühle. Es ist wichtig Hilfe anzunehmen“, so sein Ratschlag.

Einen emotionalen Abschluss der Feierlichkeit gab es durch Markus Galonska, Gemeindereferent Wolfsburg und Notfallseelsorger, und Peter Schellberg, Feuerwehrpfarrer Braunschweig i.R. und Notfallseelsorger. Sie erzählten zum Thema „Wenn die Antwort ausbleibt – Von den Anfängen zur Routine – Ein anspruchsvolles Ehrenamt“ von ihren Erfahrungen und regten sehr zum Nachdenken an. So zeigte sich auch Sibylle Schumacher sehr berührt: „Die Erzählungen haben die Seele gestreichelt“.

Mit der Feierstunde insgesamt war Schumacher sehr zufrieden. Sie habe viele positive Rückmeldungen erhalten. Lob gab es auch von Daniela Burgard und Tina Krahmann-Meinecke (PSNV Gifhorn). „Die Location ist toll, ich habe mich hier sehr wohl gefühlt. Mir ist positiv aufgefallen, dass hier die Politik und die PSNV gut zusammenarbeiten – daran könnte man sich ein Beispiel nehmen“, so Burgard. Ihre Teamkollegin erzählte, dass sie viele Anregungen mitnehme. „Durch die Erfahrungsberichte überdenkt man eigene Situationen und überlegt, was man besser machen könnte“, so Krahmann-Meinecke.

Fakten zum KIT

2007 suchte Markus Galonska Menschen, die er gemeinsam mit Peter Schellberg zu Kriseninterventionshelfern ausbilden konnte, um das Kontingent der schon bestehenden Notfallseelsorge zu erweitern. KIT-Urgesteine sind: Ute Weber, Gabi von Treufels, Michaela Dogan, Thomas Brasser und Sibylle Schumacher.
Das Team wurde später verstärkt durch Julia Solvie, Patrick Churchman und Linda-Marie Heusler.

Neuestes Teammitglied ist Markus Galonska, der bislang als Ausbilder fungierte und nun auch ehrenamtlich für das DRK tätig ist. Durchschnittlich hat das KIT 10 – 15 Einsätze im Jahr. Anders als bei den Notfallseelsorger arbeitet das KIT bei den Einsätzen immer im Doppelpack.

Das KIT kooperiert mit der Notfallseelsorge und übernimmt jedes erste Wochenende im Monat von Freitag bis Sonntag einen Bereitschaftsdienst. Zudem hilft es aus, wenn „Not am Mann“ ist. „

Wir sind da für Menschen in akuten Krisensituationen, wir unterstützen, hören zu, halten aus und bieten Begleitung an“, so Sibylle Schumacher.

4. Dezember 2018 14:29 Uhr. Alter: 9 Tage