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Ein Blick über den Tellerrand: Behindertenarbeit international!

Seit über 15 Jahren setzt sich der DRK-Kreisverband Wolfenbüttel für eine Begleitung und für Unterstützungen von Menschen mit Behinderungen und deren Angehörigen ein, die wirklich im Alltag helfen. Thomas Stoch, Leiter des ITZ in Wolfenbüttel, setzt auf Kreativität statt Inklusion auf dem Papier.

Margret-Lisa Steingrimsdottir, aktuelle Präsidentin der ISBA und Ausrichterin der Konferenz 2018 im Gespräch mit Thomas Stoch, Leiter des ITZ Wolfenbüttel.

Auf der internationalen Konferenz im Jahr 2014 waren über 220 Menschen aus 19 Ländern im niedersächsischen Wolfenbüttel zu Gast.

Menschen mit Behinderungen aus Island sorgten zur Eröffnung der 11. Internationalen ISBA Konferenz in Reykjavik für ein beeindruckendes Rahmenprogramm. Fotos: DRK

Als Leiter des Integrations- und Therapiezentrums (ITZ) begann Thomas Stoch 2003 damit, einen Familienentlastenden Dienst (FED) aufzubauen. Haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter unterstützen betroffene Familien, beraten, helfen bei der Bewältigung des Alltags und dem Umgang mit Behörden. Mit den Angeboten des FED ist es Stoch gelungen, vielen Angehörigen in der Region immer wieder kleine Auszeiten zu ermöglichen, in denen Kraft getankt werden kann. „Wer einen Menschen in der Familie pflegt, ist im Dauereinsatz. Daher ist es wichtig, immer wieder Inseln der Ruhe zu schaffen. Sei es für einen Kinobesuch, Zeit für den Partner oder die Geschwisterkinder - oder einfach, um einmal in Ruhe einkaufen zu gehen.

Manche Eltern sind auch froh, wenn sie einfach einmal Zeit dazu haben, den Hausputz zu machen“, erklärt Stoch und spielt darauf an, dass es oft nur um die alltäglichen Dinge geht die für Familien im pflegerischen Kontext manchmal schwer zu bewerkstelligen sind.

Von den Auszeiten profitieren auch die Betroffenen selbst, denn auch für sie ist die Betreuung durch eine andere Person ein Ausbruch aus den immer wiederkehrenden Abläufen und eingespielten Routinen im Alltag. Von der Einzelbetreuung daheim für wenige Stunden über Tagesausflüge bis hin zum Urlaub im Rahmen einer betreuten Freizeit ist alles möglich.

In anderen Ländern werden solche Konzepte als „Respite Care“ oder „Short Break Service“ bezeichnet. „Wir pflegen seit über zehn Jahren den Austausch mit anderen Einrichtungen der Behindertenhilfe auf der ganzen Welt, engagieren uns in der International Short Break Association (ISBA). Anfang Oktober hat gerade erst eine internationale Konferenz in Reykjavik auf Island stattgefunden. Meine Kollegen und ich haben hier wieder viele Berichte von Best Practice Modellen gehört und Impulse für die eigene Arbeit mitgenommen“, so Stoch. 2014 stand er selbst der ISBA als Präsident vor und holte die Konferenz nach Deutschland - das niedersächsische Wolfenbüttel steht so in einer Reihe namhafter Ausrichter der Konferenz wie Paris, Sidney, Edinburgh, Toronto und Kopenhagen. In Reykjavik stellte Stoch die Arbeit des ITZ vor und erörterte mit den Fachleuten aus knapp 20 Ländern die Situation der Behindertenhilfe in Deutschland.

Dabei hat Deutschland aus Sicht von Thomas Stoch und seinen Mitarbeitern in Sachen Inklusion noch einiges nachzuholen: „Bei uns wird vieles unnötig reglementiert, ansonsten wäre viel mehr möglich. Auch die häufig mangelhaften Beratungsleistungen der Kranken- und Pflegekassen und der örtlichen Sozial- und Jugendämter verhindern eine zielgerichtete Hilfe.

Hier werden zum Teil Anträge unnötig verzögert oder einfach ohne stichhaltige Begründungen abgelehnt. Als Einrichtung des DRK können wir unsere Kunden hier gut unterstützen und häufig flexibel reagieren, uns letztlich auf den individuellen Bedarf vor Ort einstellen“, spielt er auf das föderale Prinzip der DRK-Verbände an.

Im engen Kontakt mit den Nutzern haben sich im Laufe der Jahre in Wolfenbüttel einige weitere Angebote und Dienstleistungen unter dem Dach des ITZ entwickelt. Denn, das betont Stoch immer wieder, die politische gewollte Inklusion wird nicht umgesetzt, indem sie von oben herab geplant und den sozialen Trägern ins Portfolio diktiert wird.

Stattdessen bedeute Inklusion, zuzuhören und kreativ auf die Situationen und Bedarfe der Betroffenen zu reagieren. Angebote sind so flexibel zu halten, dass sie an tatsächliche, individuelle Situationen angepasst werden können. 2010 entstand so die Autismusambulanz im ITZ, in der Kinder und junge Erwachsene zwischen 5 und 25 Jahren mit Störungen aus dem Autismusspektrum gefördert werden. „Wir arbeiten nicht nur mit den Betroffenen und ihren Angehörigen, sondern nehmen auch zu den Schulen Kontakt auf. Nur so können die Fortschritte in den Therapiestunden auch im Alltag umgesetzt werden“, erklärt er. Zwischenzeitlich organisiere das ITZ über 100 Schulassistenzen in der Region. Auch durch Gespräche mit den Familien, die den FED nutzen, sei die Wohnschule entstanden.

Hier werden junge Menschen mit Behinderungen auf ein künftiges Leben in Selbstständigkeit vorbereitet und lernen, wie man mit Behörden telefoniert oder einfach eine Waschmaschine bedient. Mit dem FbE, dem Fachdienst zur beruflichen Eingliederung, hat das DRK in Wolfenbüttel zudem eine echte Alternative zum Besuch in Werkstätten geschaffen. Junge Menschen mit Behinderung werden hier auf eine Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt vorbereitet und entsprechend begleitet.

„Von Inklusion sollten wir erst sprechen, wenn sie gelebt wird“, ist der Familienvater überzeugt. Die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen muss im Alltag viel selbstverständlicher werden. Im ITZ werde dies gelebt. Hier begegnen sich Menschen mit und ohne Behinderungen. Auch das arbeiten im Netzwerk ist Stoch wichtig. „Sollten einmal Angebote und Dienstleistungen eines anderen Trägers besser zu einem Klienten passen, dann handeln wir zum Wohl des Menschen, statt nur unsere Leistungen Im Blick zu haben“, räumt er ein.

EUTB - Ergänzende Unabhängige Teilhabeberatung

Diese neutrale und aufs Individuum ausgerichtete Haltung der Wolfenbütteler Einrichtung hat den DRK-Kreisverband auch dafür qualifiziert, eine unabhängige Beratungsstelle für Teilhabe – kurz EUTB, einzurichten. Hier geht es im eine Ergänzende Unabhängige Teilhabeberatung. Als Ergebnis der politischen Bemühungen zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention und als ein wichtiger Baustein des BTHG (Bundesteilhabegesetz) werden derzeit flächendeckend Beratungsstellen eingerichtet und mit Bundesmitteln unterstützt. „Dass wir den Zuschlag dafür bekamen, hat mich erst überrascht“, gibt Stoch zu. Denn eigentlich sollen die Beratungsstellen weder an eine Kommune noch an einen Leistungserbringer gebunden sein. Unserem Dachverband und dem Sozialministerium waren allerdings bekannt, dass wir schon jetzt weitgehend trägerunabhängig agieren und beraten“, erläutert er. Das bestehende Netzwerk des DRK in den Landkreisen Wolfenbüttel und Helmstedt helfe dabei, dass die EUTB rasch die Arbeit aufnehmen kann.

Doch das Ziel sei laut Stoch nicht, den Ämtern ihre Aufgaben abzunehmen - sie sind nach wie vor dazu verpflichtet, Antragsteller und Hilfesuchende umfassend zu beraten. „Wir achten vielmehr darauf, dass diese Beratungsleistungen zukünftig auch tatsächlich erbracht werden. So wird die EUTB eine wichtige Ergänzung in der Hilfelandschaft darstellen und betroffenen Personen und deren Angehörigen Hilfestellungen anbieten können. Wir freuen uns über diese Möglichkeit.“

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20. November 2018 19:32 Uhr. Alter: 23 Tage