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DRK ist enttäuscht vom Urteil zur Karambolage

Einer der spektakulärsten Verkehrsunfälle der vergangenen Jahre in Wolfenbüttel fand jetzt seine juristische Aufarbeitung vor dem Amtsgericht.

Bei dem Zusammenprall wurde der DRK-Rettungswagen umgeworfen. Foto: DRK-Archiv/Jörg Koglin

Am 23. August 2017 rammte ein Porsche-Fahrer an der Kreuzung Neuer Weg/Salzdahlumer Straße einen DRK-Rettungswagen. Die Retter waren im Einsatz gewesen. Im hinteren Abteil starb ein Notfall-Patient. Der Notarzt und eine Rettungssanitäterin erlitten schwere Verletzungen.

Strafrichter Holger Kuhlmann sah zwar einen vorsätzlichen Gelblicht-Verstoß mit Geschwindigkeits-Übertretung und die mit dem Unfall verbundene fahrlässige Körperverletzung als erwiesen an. Von grober Verkehrswidrigkeit und rücksichtslosem Fahren könne jedoch nicht die Rede sein. Daher erhielt der Angeklagte eine Geldstrafe von rund 6600 Euro und einen Monat Fahrverbot. Der Richter folgte damit dem Antrag der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung.

Bei dem Unfall kippte der Rettungswagen auf die Seite. Eine Rettungssanitäterin und der Notarzt wurden dabei verletzt. Dieser schilderte als Zeuge dem Gericht, dass er noch heute aufgrund der schweren Verletzungen insbesondere an der Schulter nicht voll arbeitsfähig sei, an Reha-Maßnahmen teilnehmen müsse und motorisch eingeschränkt sei. Er könne beispielsweise nie mehr als Notarzt eingesetzt werden. Auch die verletzte Rettungssanitäterin werde lebenslange Schäden behalten. Bei dem Unfall kam der Patient, der zuvor reanimiert worden war, ums Leben. Einen kausalen Zusammenhang zwischen  dem Zusammenprall und dem Tod könne aber nicht nachgewiesen werden, befand das Gericht. Dem DRK entstand zudem durch den zerstörten Rettungswagen ein Sachschaden von rund 33.000 Euro.

Im Laufe des Verfahrens sagten 15 Zeugen und zwei Sachverständige aus. Der Unfall wurde dadurch größtenteils rekonstruiert. Der Porsche-Fahrer befuhr aus Braunschweig kommend den Neuen Weg in Richtung der Kreuzung. Rund 50 Meter davor schaltete die Ampel auf Gelb, woraufhin der 61-Jährige die Geschwindigkeit seines Sportwagens erhöhte. Zur gleichen Zeit kam der Rettungswagen von der Salzdahlumer Straße langsam und mit vollem Martinshorn und Blaulicht auf die Kreuzung in Richtung Mittelweg mit dem Ziel Klinikum.

Es konnte nicht bewiesen werden, dass der Porsche-Fahrer den Rettungswagen zuvor habe wahrnehmen können. Mehrere Zeugen berichteten, dass die Linksabbieger-Spur des Neuen Wegs voll belegt und so die Sicht eingeschränkt war. Auch gaben mehrere Zeugen zu Protokoll, das Martinshorn nicht wahrgenommen zu haben.

In letzter Sekunde wich der Sportwagenfahrer noch leicht nach rechts aus. Ein Sachverständiger berichtete aus seinem Gutachten, dass der Angeklagte wohl 65 km/h gefahren sein müsse und erklärte: „Bei 5 km/h weniger hätte der Unfall vermieden werden können.“ In der zeitlichen Abfolge der Ereignisse wäre der Rettungswagen dann bereits über die Kreuzung gefahren und der folgenschwere Zusammenprall hätte nicht stattgefunden.

Ein anderer Sachverständiger meinte, dass die Geschwindigkeit des Porsches eventuell auch geringer gewesen sein könnte. Das Gericht legte sich daher auf 60 km/h fest. Der Rettungswagen fuhr dem Gutachten zufolge mit rund 30 km/h auf die Kreuzung. Mehrere Zeugen bestätigten, dass der Rettungswagen sich langsam in die Kreuzung hineingetastet und der Fahrer sich umsichtig verhalten habe.

In der Urteilsverkündung erklärte der Richter: „Für den Fahrer des Rettungswagens ist es stets ein Abwägen. Daher spielt es keine Rolle, ob er sich noch langsamer in die Kreuzung hätte hineintasten können. Es ging in diesem Moment um das Leben des Patienten.“ Der Fahrer sei nicht verpflichtet, in der Kreuzung Schritt-Tempo zu fahren. Zudem habe er selbstverständlich – bei Blaulicht und Martinshorn – ein Sonderfahrtrecht und somit automatisch Vorfahrt.

Fast 50 Zuschauer im Gerichtssaal – darunter zahlreiche Rettungssanitäter – verfolgten das Verfahren. Einige brachen bei der Urteilsverkündung in Tränen aus. „Die Rettungskräfte des DRK sind von diesem Urteil maßlos enttäuscht“, bestätigte DRK-Vorstand Andreas Ring. Haupt- und ehrenamtliche Kräfte würden auf diese Weise verunsichert. Es führe zu einem starken Vertrauensverlust in die Rechtslage. „Ich kann meinen Notfall-Sanitätern ja nicht sagen, dass sie bei einem Notarzt-Einsatz an einer roten Ampel geduldig warten sollen“, so Ring. Das Urteil sende ein verheerendes Signal an die Gesellschaft, findet Ring. Es entstehe das Gefühl, dass es egal sei, wie man sich im Straßenverkehr verhalte. Der Respekt vor Einsatzfahrzeugen im Straßenverkehr und auch vor Rettungskräften habe ohnehin dramatisch abgenommen, so Ring. „Es ist wichtig, dass festgestellt wurde, dass sich unser Fahrer einwandfrei verhalten hat. Für uns geht es jetzt darum, allen unseren Rettungskräften den Rücken zu stärken“, sagte der DRK-Vorstand.

Zudem kritisierte Andreas Ring das Vorgehen im Prozess, den Todesfall des Patienten aus dem Verfahren herauszulassen. „Der Notarzt hatte den Mann erfolgreich reanimiert. Er war am Leben. Beim Unfall ist er gestorben. Für mich ist die Ausgangslage klar“, sagte der DRK-Vorstand.  

18. Januar 2019 17:06 Uhr. Alter: 36 Tage